Virginia Satir – Begründerin der Familientherapie

Virginia Satir studierte an der Universität von Chicago, war Sozialarbeiterin und Dozentin für Familientherapie, erhielt das Ehrendoktorat der Universität von Wisconsin und arbeitete als Familientherapeutin in eigener Praxis. Sie lehrte Familiendynamik am Illinois State Psychiatric Institute und gehörte seit 1959 einer Arbeitsgruppe von Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern in Palo Alto an.

Humanistische Psychologie und Palo-Alto-Gruppe

Virginia Satir war eine der einflussreichsten Gründergestalten des familientherapeutischen Ansatzes im Bereich der Psychotherapie. In einer einzigartigen Synthese verband sie in ihrer Arbeit wesentliche Grundhaltungen der Humanistischen Psychologie in den kommunikationstheoretischen Entwürfen der Palo-Alto-Gruppe.

VirginiaSatir4Unter den Begründern der Familientherapie kommt Virginia Satir eine besondere Bedeutung zu: Schon 1951 arbeitete sie als erste Therapeutin mit einer vollständigen Familie. Mit großer Schaffenskraft und Kreativität fand sie neuartige Wege des therapeutischen Zuganges für nicht therapiefähig gehaltene, hospitalisierte, psychiatrische Patienten und deren Angehörige. Sie überwand das medizinische, linear-kausale Krankheitsmodell und entwickelte auf der Grundlage eines humanistischen, wachstumsbezogenen Menschenbildes ein ganzheitlich-systemisches Behandlungsmodell.

In der Mitte der fünfziger Jahre erprobte Virginia Satir ihre neuen Ideen der Behandlung von ganzen Familien und bezog diese, für die damalige Zeit revolutionären, Vorstellungen in die Ausbildung für Psychiater mit ein. Ihre Erfahrungen tauschte sie mit Murray Bowen aus, der auch gerade erkannt hatte, welche Bedeutung die Familien seiner Patienten für deren Behandlung in seiner kinderpsychiatrischen Klinik hatte.

Mental Research Institute

Virginia Satir war Mitbegründerin des Mental Research Institute (MRI, 1959, Don Jackson, Jules Riskin, Virginia Satir). Später kamen u. a. Paul Wazlawik, Jay Haley, John Weakland und Ronald Fisch hinzu. Sie hatte einen maßgeblichen Einfluß auf die dortigen Forschungs- und Denkansätze und sicherte als sehr erfahrene und anerkannte Praktikerin und Ausbilderin in Familientherapie die starterleichternde finanzielle Unterstützung des Instituts. Virginia Satir entwickelte nicht nur im fachlichen Austausch mit Kollegen ihre kreativen Ideen, sondern sie lernte besonders im lebendigen Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen jeden Alters. Über sieben Jahre (59-66) leitete sie die Ausbildungsprojekte am MRI und brachte ihre Theorien und Praxiserfahrungen zu Papier.

500px-Raft-typeSie hat mit dem in dieser Zeit entstandenen Buch “Conjoint Family Therapy” (1964, 67; dt.: “Familienbehandlung”, 1973), in dem sie so wohl die frühen Erkenntnisse und Denkweisen der MRI-Gruppe aufge­nommen als auch ihre eigenen umfassenden Erfahrungen, Modelle (Selbstwert und Wachstum – mit deren Hilfe sie sehr schnell jeden Menschen auf seine Ressourcen zurückführt) und eine Vielzahl methodisch-spielerischer Vorschläge zusammengefaßt hat, ein viel beachtetes und praxisrelevantes erstes Grundlagenwerk der Familientherapie vorgelegt.

Aufgrund der vielen Nachfragen ging Virginia Satir Anfang der sechziger Jahre in viele Staaten der USA, Canada und Europa und demonstrierte ihre praktische Arbeit mit Patienten, angehenden Familientherapeuten und deren Familienangehörigen. Ihr Konzept der Arbeit mit heterogenen Gruppen setzte sie, besonders nach ihrem Weggang aus dem MRI 1967, zunehmend in allen Teilen der Welt um. Aufgrund ihrer Initiative entstanden Ausbildungsgruppen in Australien, Schweden, Deutschland (1975) und der Tschechoslowakei (1979) und in vielen anderen Staaten.

Indem sie in den jeweiligen Ländern unter der Berücksichtigung der verschiedenen ethnischen, historischen und sozialen Hintergründe über mehrere Jahre (z. B. in 4-Wochen-Seminaren) den Kontakt zu den Menschen aufrecht erhielt, schaffte sie die Basis für tiefergreifende Arbeiten, auch und gerade im Kontext gesellschaftlicher Tabus. So wurden dank der von ihr entwickelten Form der Familienrekonstruktion z. B. Themen wie “Nationalsozialismus” in ihren über mehrere Generationen weitergegebenen Auswirkungen angehbar.

Zahllose Bilder, persönliche Anekdoten, Witze..

Neben einer Fülle von unveröffentlichten, aber viel gelesenen Manuskripten, Filmen usw. hat Virginia Satir speziell für den praktischen Gebrauch der Menschen, die mit ihrer Arbeit in Kontakt kamen, weitere 6 Bücher geschrieben. In diesen Büchern benutzt sie zur Demonstration ihrer Vorgehensweise und ihrer inneren Ausrichtung zahllose Bilder, persönliche Anekdoten, Witze, Symbole usw., die für viele erst durch ein direktes Erleben ihrer Persönlichkeit lebendig werden.

Virginia Satir hat viele Familientherapeuten, die heute mit ihrem eigenen und speziellen Stil bekannt sind, in ihrer Ausbildung gefördert, z. B. Ivan Nagy, Salvador Minuchin, Maria Gomorrhi, Maria Bosch, Carole Gammer und Martin Kirschenbaum. Hauptsächlich ihre therapeutische Arbeit und die von Milton H. Erickson wurden zu einer lebendigen Grundlage für die Neuentwicklung von Theorien und Methoden, so für die kommunikationstherapeutischen Ansätze z. B. des MRI und für das Neurolinguistische Programmieren.

Besuchen Sie das Virginia Satir Global Network im Internet.

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