»Halt die Klappe, Alice Schwarzer!« – Endlich! Zitat aus Roths Splitter

Folgender Post stammt aus dem Blog Roths Splitter:

Nach vielen Jahren literarischer Kastrationstätigkeit hat sich Alice Schwarzer nun in der scheinbaren Mitte unserer entmännlichten Gesellschaft niederlassen können. Gern gesehene Talkshow-GästIn schreibt sie inzwischen sogar für die BILD und nimmt auch an Unterhaltungssendungen für die ganze Familie teil. (Bitte keine Forderung nach Quellenangaben!)

Wie lange habe ich mich an der Frau abgekämpft! Schon als Spät-Pubertierender war mir schleierhaft, wie junge Frauen in meiner Umgebung verbal auf männliches Verhalten draufhauen konnten, gleichzeitig aber von James Bond begeistert waren oder mit den schlimmsten Casanovas oder Macho-Arschlöchern in die Federn stiegen oder Beziehungen eingingen. Was war ich verwirrt! Ich tröstete mich mit dem Freud-Spruch: Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‘Was will eine Frau?’. Wie lange habe ich versucht, es Frauen recht zu machen!
Bis ich als Therapeut mit einer Reihe von Patientinnen konfrontiert wurde, denen man es nicht recht machen kann…

Wer meine Blogs verfolgt hat, hat mitbekommen, daß ich gegen Alices ZEIT-Artikel über das Attentat von Winnenden geschrieben habe (Gewalt durch Männer, Gewalt durch Frauen: Im Inneren des Walfischs, vom 11.05.2009), über die Entlassung von Goslars Gleichstellungsbeauftragter Monika Ebeling (Monika Ebeling als Gleichstellungsbeauftrage vom Rat der Stadt Goslar abgewählt, vom 28.5.2011), ich habe über ein Antifeminismustreffen geschrieben (2. Internationales Antifeminismus-Treffen vom 25. Juni 2011, vom 31.5.2011) und Frauengewalt (vom 28.5.2011). Auch habe ich auf einen Kommentar in der ZEIT zu den Kommentaren über die Finanzkrise hingewiesen. (»Natürlich nehmen wir den Mann mit«, Psychoblog-Post vom 22.4.2012)

Vor kurzem nun habe ich beschlossen, auf feministische Artikel nicht mehr einzugehen. Wenn die Frauen und Männer, die solche Artikel schreiben oder lesen, das brauchen (oder zu brauchen glauben), dann ist das so. Dem Ausagieren von Bedürfnissen ist mit vernünftigen Argumenten nicht beizukommen. Nicht nur Sex sells, auch Opfer sells (siehe Niki de Saint Phalle, die vermeintlich ihr ganzes Leben lang den sexuellen Mißbrauch ihres Vaters publikumswirksam verarbeitete), und wenn unsere sich aufgeklärt gebende Gesellschaft etwas von den 68ern gelernt hat, ist das die Fähigkeit, sich moralisch zu empören. Wir sind immer die Guten, und wer da querschießt (Philipp Jenninger, Eva Herman, Thilo Sarrazin), wird abgesägt. Fertig! (Begriffsherkunft Sündenbock bei Wikipedia) Über die Tatsache, daß wir für das Vermeiden fundierter öffentlicher Debatten werden bezahlen müssen, weil wir damit politisch rechten Kräften das Feld überlassen, lasse ich mich nicht weiter aus. (Auch das ist eine Entwicklung, der man sich nicht entgegenstemmen kann. Wir sind gerade dabei, die Zunahme des politische Nationalismus auf der ganzen Welt zu erleben…)


Die sofortige Positionierung von Alice Schwarzer bezüglich der angeblichen Vergewaltigung von »Claudia D.« durch Wetterfrosch Kachelmann und ihr schnell veröffentlichtes Buch (seltsam, einige Links zur Schwarzer-Homepage funktionieren nicht) habe ich ausgehalten, ohne mich in meinem Blog zu Wort zu melden. Auch habe ich nichts über die drohende Verschärfung des Prostitutionsgesetzes geschrieben. Alice Schwarzer hat gelernt, daß sich das Sex-Bäh-Bäh bezahlt macht. In Angela Merkels Zeiten gestaltet Politik nicht, sie läuft der öffentlichen Meinung einfach hinterher. Auch das ist zur Zeit so, und das wird sich auch wieder ändern.

Alice Schwarzer ist nun mal der Meinung, daß Prostitution abgeschafft gehört. Medienwirksam und politisch-selbstkritisch-korrekt lautet der Untertitel ihres Buches »ein deutscher Skandal«. Und 90 deutsche Promis haben sich von Alice bequatschen lassen, politische Korrektheit zu demonstrieren und einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel zu schreiben. (Angie wird natürlich wieder genauso klar Stellung beziehen wie zu Fukushima.) Was an dem Skandal deutsch ist darüber wird sich Alice in einigen Talkshows, zu denen sie eingeladen werden wird, publikumswirksam auslassen können. (Übrigens entsteht der Skandal hauptsächlich durch die Vermengung von Prostitution und Menschenhandel. Vielleicht forscht irgendwann ja mal jemand über die Ursachen von Prostitution. Und vielleicht hat Alice Schwarzer ja auch einen Rat für geile Behinderte.) 

siehe Wikipedia-Artikel:
- Sex-positiver Feminismus
- Annie Sprinkle

Was mich erschreckt, ist die Verschärfung der Prostitutionsgesetzgebung in mehreren europäischen Staaten:
- in Schweden wird Prostitution als erzwungene Handlung bzw. geschlechtsspezifische Gewalttat und als ernstes soziales Problem verstanden. Straftatbestand ist „die grobe Verletzung der Integrität einer Frau“. Bestraft wird der Freier. (Quelle: Bundesministerium für Familie usw.)
- Norwegen hat seit 2004 ein ähnliches Gesetz. (Quelle: Menschenhandel heute: »Den Prostituierten hilft das „feministische“ Prostitutionsgesetz am wenigsten«)
- In Frankreich sind seit 60 Jahren die Bordelle geschlossen, die französische Frauenministerin möchte Prostitution ganz abschaffen. Zukünftig sollen die Freier bestraft werden. (Quelle: SPIEGEL)

Daß die Gesellschaft auf einigen Augen blind ist, ist (notwendige?) Tatsache und vorläufig und nicht so schnell veränderbar. Es ist gut wenn wir Schubladen haben, und es ist praktisch, wenn die Anzahl der Schubladen nicht zu groß wird, das behindert den Überblick. Wir bejubeln Menschen wie Frank Ribéry oder Oliver Kahn für ihre sportlichen Einsatz und wollen von der anderen Seite der Medaille nichts wissen. Das Sexualleben von Ex-IWF-Chef Strauss-Kahn dürfte inzwischen hinlänglich breitgetreten worden sein. Wer stellt sich die Frage, was der Job, den diese Menschen machen, mit diesen Menschen macht oder welches seelische Kostüm jemanden für einen solchen Job prädestiniert? Wenn ich mal Muße habe, schreibe ich einen Post über Valéry Giscard d’Estaing (, dem Affären mit Mireille Darc, Marthe Keller, Lady Di und einer der Frauen von Bokassa nachgesagt werden – ein Cousin soll inzwischen gößter Grundbesitzer der Republik Zentralafrika sein). Und Willy Brand war ebenfalls kein Kostverächter. (Damals hielten die Journalisten noch den Mund.)


Was mich jetzt wirklich freut ist, daß Alice Schwarzer allmählich Gegenwind bekommt:

Niederschrift des Diskussionsausschnitts durch Matt Lehmann (Danke!):

Nachdem Sabine Constabel von jungen osteuropäischen Frauen erzählte, von denen die meisten ungebildet seien und von denen viele in Deutschland bereits krank ankämen aufgrund schlechter medizinischer Versorgung in ihren Heimatländern, meldete sich eine bulgarische Sexarbeiterin zu Wort:
„3 Jahre arbeite ich im Laufhaus in Berlin, 4 Jahre vorher Artemis, 6 Jahre in anderem Laden. Ich hab noch nie eine Bulgarin getroffen, welche von sie sprechen, wo sie krank waren. … 2 Frauen haben Schutz gesucht, die haben [die Polizei kontaktiert]. Wo treffen Sie diese Frauen?“

Bevor Constabel antworten kann, interveniert Alice Schwarzer: „Das ist doch einfach grotesk und dermaßen unglaubwürdig. Also, wir wissen jetzt einfach, 90 bis 95% der Frauen sind in schweren Notlagen und müssen sich… [Zwischenruf: „Wo sind die Zahlen?“]…können und müssen sich in Deutschland unter menschenunwürdigen Umständen prostituieren. Da gibt es anscheinend ein paar Prozent sehr fröhlicher Prostituierter, bitteschön, unbenommen. Wie werden nicht hinter Ihnen herstiefeln und Ihnen das verbieten. So, es gibt hier um ein anderes Problem. Bitte, wer will noch was sagen? Ach so, Entschuldigung. Sabine Constabel wollte etwas…“

Sabine Constabel: „Ich finde, es war ‘ne klare Frage, ich kann drauf antworten. Die Frage war ja wie ich die treffe oder wie ich auf die komm‘. Das ist ziemlich einfach. Also, wir haben Sprachmittlerinnen, Bulgarinnen, und die Bulgarinnen gehen in die Bordelle, die Bulgarinnen machen den Kontakt in die Modellwohnungen, sie sind auf der Straße, sind da ziemlich schnell bekannt unter den Frauen, und das Problem sind immer die Frauen, die nicht Deutsch sprechen oder nicht genügend Deutsch sprechen, und die kommen dann letztendlich über die Sprachmittlerinnen.
Die rufen die an, haben die Telefonnummer, und kommen dann so in die Beratung.
Alice Schwarzer: „Okay, der Herr hat sich schon länger gemeldet. Wenn man ihm… Er kämpft sich grad zum Mikro. Da ist er auch schon.“

Tanja Gangarova (Fachreferentin Migration, Deutsche AIDS-Hilfe) „Ja, guten Abend…“

Alice Schwarzer: „Ich würde sagen, noch zwei, drei Fragen, dann…“

Tanja Gangarova: „Also, ich würde nur gerne zwei, drei Kommentare abgeben. Mein Name ist Tanja Gangarova, ich bin Sozialwissenschaftlerin und ich leite die Bereiche Migration und Sexarbeit und Internationales bei dem Bundesverband der deutschen AIDS-Hilfe. Wir sind ein Verband, was mittlerweile aus 130 Organisationen besteht, und im Namen dessen stehe ich heute da, weil wir grundsätzlich den Appell gegen Prostitution ablehnen, und ich sag‘ Ihnen dazu, hier findet auch heute eine ganz gefährliche Vermengung von Sexarbeit und Menschenhandel statt. [Applaus]
Aus unserer Sicht kann eine konstruktive Kommunikation erst dann geschehen, wenn [es] eine klare Trennung zwischen diesen zwei Bereichen gibt. Für den Menschenhandel gibt es in Deutschland, nicht nur in der Sexarbeit, auch in jedem anderen gesellschaftlichen Zusammenhang das Strafrecht, und das ist auch gut so. Nicht nur Sexarbeiterinnen, auch Sexarbeiter, denn Sie vergessen das auch noch [Applaus] entscheiden sich selbständig, selbst wenn sie aus prekären Situationen kommen, denn ich komme selber aus Bulgarien, sind sie handelnde Subjekte.“

Alice Schwarzer versucht zu unterbrechen, aber Tanja Gangarova fügt an: „Letzter Kommentar. Ich habe international in diversen Ländern gearbeitet und ich kann Ihnen aus der Präventionsperspektive sagen, dass Verbote und Kriminalisierung haben noch nie dazu geführt, dass es keine Sexarbeit mehr gibt. [Applaus]

Alice Schwarzer: „Wir haben schon verstanden. Frau Constabel möchte…“

Tanja Gangarova: „Ich würde sehr gerne sagen auch etwas zu dem schwedischen Modell, weil das ist alles Quatsch. Das schwedische Modell hat dazu geführt, dass Prostitution nicht mehr sichtbar ist auf der Straße. [Rest nicht hörbar, Gangarova weist darauf hin, dass sich die Situation für Sexarbeiterinnen nicht verbessert hat.] [Tosender Applaus]

Alice Schwarzer:  „Also, ich darf Ihnen sagen, dass die EMMA gerade mit der schwedischen Botschaft im Frühjahr einen Kongress plant, und da lassen wir mal die Leute kommen und werden sie genau befragen, und sie können es berichten.
Auf Unruhe im Publikum reagiert Alice Schwarzer mit der Bemerkung: „Ideologie sticht Realität, ‘ne? Ihr wollt das einfach nicht hören.“ [Gelächter von Schwarzers Gegner_innen, Applaus von ihren Unterstützer_innen] „Ich erlebe das nicht zum ersten Mal.“

Links:
Eine Feministin auf Abwegen – “Halt die Klappe, Alice!” (n-tv vom 15.11.2013)
Anti-Prostitution-Debatte: Brüllen und blitzen gegen Alice (SPIEGEL-Online vom 15.11.2013)
Alice Schwarzer sieht Rot (neues deutschland vom 16.11.2013)
Prostitution – Tun Sexarbeiterinnen ihre Arbeit gern? (Feuilleton der FAZ vom 19.11.2013)

Wie entwertend Alice Schwarzer mit Menschen, die eine andere Meinung haben, umgeht (und wie souverän Esther Vilar das nimmt), sieht man hier an einem Video (ich glaube, aus dem Jahr 1975)

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