Bondage oder die Umarmung einer Seele

Für viele scheint das Fesseln eines Menschen zunächst ein negatives Erlebnis zu sein, im Zusammenhang. mit den Eindrücken: Verlust von Freiheit, Verlust von Selbstentscheidung, sich nicht wehren können, Angst, Gefahr. Seltsam ist da doch, dass in unserer Sprache sehr viele positive Erlebnisse mit dem Themenbereich Bondage verBUNDEN sind..

  • der Film war fesselnd
  • wir fühlen uns verbunden
  • sie hat ihn umgarnt
  • der Bund der Ehe
  • eine Verbindung eingehen
  • das Tragen eines Freundschaftsbandes

Knoten und Schleifen

Jeder von uns hat schon im Kindergarten gelernt, wie wichtig es ist Knoten und Schleifen zu beherrschen und sich der Unterschiede zwischen Beiden bewusst zu sein. Während eine Schleife eher ein dekoratives Moment hat, lernen wir schon früh, dass es besser ist an bestimmten Stellen keine Knoten zu machen um uns vor Gefahren zu beschützen und an anderen Stellen bietet uns der Knoten gerade diesen Schutz. Im besten Falle weiß also ein Grundschulkind, dass ein Knoten am Schuhband verdammt ärgerlich ist, während eine Schleife beim Klettern zwar recht hübsch aussehen mag, jedoch den abgestürzten Kletterer nicht unbedingt wieder zum Lächeln bringt.

Nun, Knoten und Schleifen wurden seit Menschengedenken perfektioniert und wir haben alles gebunden und eingewickelt was sich auf der Welt bietet. Warum also sollten wir Freude daran empfinden andere Menschen zu fesseln oder gefesselt zu werden? Die Antwort ist: Halt… Nun, ganz so einfach ist es natürlich nicht, doch es wird darauf hinauslaufen.

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Die sinnliche Erfahrung

Zunächst einmal das Binden selbst ist eine sehr sinnliche Erfahrung. Der Umgang mit dem Material, der Geruch nach Hanf oder Baumwolle, die verschiedenartigen Texturen verschiedener Bänder.. Einige schwören auf Hanf, andere auf Nylon, wieder andere benutzen Seile aus Seide.. Ich persönlich mag Baumwolle und Satinbänder. Lederriemen eignen sich auch gut. Die Sexindustrie hat natürlich auch noch diverse Produkte beizusteuern wie z.B. Bondage-Geschirre mit Klettverschluss, Latex- und Gummi-Bänder (nicht die kleinen bunten aus der Küche ), Vacuumbetten… Es gibt die klassischen Finger-, Hand- und Fußschellen, Spreitzstangen, Fußketten mit und ohne Kugel, Eisen nach mittelalterlichem Vorbild usw.

Je nach Vorliebe / Rollenspiel / Praktikabilität lassen die Spieler ihren Phantasien freien Lauf und immer wieder gibt es neue aufregende Varianten. Auch haben sich klare Gruppen nach bevorzugtem Material abgegrenzt. Da gibt es die Shibari-Fraktion mit konsequenten Anleitungen zum Japanbondage, die Goths mit der Vorliebe für alles was rasselt, die Techniker mit immer ausgeklügelteren Vorrichtungen und die, die es gern klassisch mögen. Es gibt es auch immer mehr von denen die à la Basic Instinct und Body of Evidence Seidenschals an strategisch wichtigen Punkten ihrer Wohnung, meistens den 4 Bettpfosten, verteilt haben.

Eine eventuelle Indikation dafür, das man einen Bondageliebhaber vor sich hat sind die Metallbetten mit besagten Seidentüchern. Sollte es sich um ein Holzbett mit selbst angebrachten Haken und Ösen handeln, erübrigt sich ganz sicher jedes “Vielleicht“.

Verpacken macht Freude, Auspacken auch

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Was aber ist so anziehend daran verpackt oder gebunden/gefesselt zu werden?

Nun, diese Frage ist ein wenig komplexer zu beantworten.

Zunächst einmal das Vordergründige. Das “Opfer” ist immens wichtig für den “Verpacker”, es kann sich immer seiner Aufmerksamkeit sicher sein, steht im Vordergrund, wird gebraucht. Das allein ist schon angenehm.

Viel wichtiger ist jedoch der freiwillige Verzicht auf die Freiheit. Für einen gewissen, vorher abgesprochenen, Zeitraum begibt sich sub in die Hände eines Anderen. Jegliche Entscheidung und daraus resultierende Handlung wird damit abgegeben. Sub kann nicht einfach mal schnell ans Handy, die Kinder beruhigen, die Blumen umtopfen, den Bericht von gestern fertigtippen, sich endlich den von den Eltern gewünschten Partner suchen.. Was auch immer wir in dieser Welt als unsere Aufgabe ansehen, sie in diesem Moment zu erfüllen ist NICHT MÖGLICH. Die oben angesprochenen Materialien sind äußerliches Zeichen, Rechtfertigung und Bestätigung in sich.

Ich kann nichts tun, ergo ist es O.K. wenn ich nichts tue. Das für sich kann schon eine große Entlastung darstellen. Im sub spielen sich zum Zeitpunkt des Fesselns/Bindens selbst die wunderlichsten Dinge ab. Zunächst der Widerstreit der Gefühle von Aufregung, Erwartung, Unruhe. Ich vermeide hier bewußt das Wort Angst, denn wenn ein sub auch nur im geringsten richtige Angst verspüren sollte, wäre es richtig, die Session sofort abzubrechen und die Angst anzusprechen. Diese Angst ist innere Warnung und kann alles bedeuten von körperlicher Unpässlichkeit, über Bedenken ob der Spielpartner vertrauenswürdig ist bis hin zu grundsätzlichen psychischen Verfassungen die ein SAFE, SANE und CONSENTUAL verhindern.

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Für manche subs beginnt diese innerliche Erregung bereits vor der Session, spätestens jedoch nach dem ersten Kontakt mit dem Material selbst. Vor allem bei subs mit Erfahrung haben sich die Erinnerungen an positive Sessions schon so im Zusammenhang mit dem Material verankert, dass die damit verbundenen Emotionen sofort wieder abgerufen werden können.

Sub hat dann die Möglichkeit sich fallenzulassen. In diesem Falle oft körperlich. Die aktive Mitarbeit des subs besteht eher aus inneren Vorgängen. Evtl. müssen Anweisungen zur richtigen Positionierung des Körpers befolgt werden, doch letztendlich wird jegliche Entscheidung an Top abgegeben. Die volle Konsequenz liegt beim Top. Sub “darf sich hängenlassen“.

Der subspace

Viele subs machen in diesem Stadium die Erfahrung des sogenannten “subspace”, einer Zwischenwelt vergleichbar mit einem Rauschzustand in dem komplette Ruhe herrscht. Durch verschiedene körpereigene Substanzen wird ein oft bewusstseinserweiternder oder auch einschränkender Zustand beschrieben in dem sub sich wohlfühlt. Kontakt zur Außenwelt besteht höchstens noch über die Kommunikation mit Top, wobei diese meistens nonverbal stattfindet. In dieser “Trance” ist sub oft nicht in der Lage zu sprechen.

Viele subs beschreiben sich in diesem Zustand als sorgenfrei und aufgehoben.

“Gebunden zu sein ist wie die Rückkehr in den Bauch meiner Mutter…” beschrieb es einmal ein sub nachdem Ich im nachhinein die Session mit ihm besprach. “Ich bin dann ganz ohne Sorgen weil ich die Welt da draußen gar nicht kenne.”

Das Thema “Halt”

Die Welt bietet uns heute so viele Möglichkeiten, zwingt uns als Erwachsene jedoch auch so viele verschieden Entscheidungen zu treffen und wir haben immense Verantwortungen zu tragen. Die einen suchen Halt im Glauben, andere im Besitz von materiellen Dingen und wieder andere in Freundschaften, Vereinen, Clubs.
Manche werfen sich in immer wieder neue sexuelle Begebenheiten und andere suchen ihr Glück in Spiel, Tabletten oder der Flasche. Und manche finden ihr Glück im Kühlschrank oder auf dem Klo.

Wir alle suchen nach Erfahrungen von Halt, Anerkennung und Erfüllung und da der Mensch nun mal eine Vorliebe hat dies mit all seinen Sinnen zu tun finden die meisten dieser Erfahrungen auf körperlicher Ebene statt.

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“Wenn ich im Vacuumbett liege, ist es als wenn ich am richtigen Platz bin..”
“Wenn ich ein enges Korsett trage, ist es als wenn mich immer jemand im Arm hält und mich gern hat…”

Bondage ist mehr als nur ein simples “Ich mach dich fest und du kannst nichts tun“.

Sicher ist der D/s-Aspekt des Bondage ein nicht zu unterschätzender Faktor. Der Austausch/ die klare Verteilung von Macht und Ohnmacht ist für BDSMler eine prickelnde Angelegenheit. Ein Spiel, für manche auch eine Lebenseinstellung.

Letztendlich führt jedoch auch dieser Aspekt zu oben genanntem Ergebnis. Sub ist äußerlich und innerlich gefesselt. Zentriert. Gefangen. Gebunden. Bei sich selbst.

Und dies beinhaltet ein großes Geschenk, wenn man es denn annimmt: INNERE FREIHEIT.

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